Newsletter

 

 

 

 

 

 
                                    
   
                                                             

Von ganzem Herzen wünsche ich allen
Leserinnen und Lesern ein lichterfülltes Fest,

das uns alle mit der grenzenlosen Fülle und Zuversicht,

die der Weihnachtsstern ausstrahlt, verbinden möge

und den Weg unserer Seele beleuchte!

                                                      

   

An dieser Stelle ist es mir auch ein besonderes Anliegen, mich für das Vertrauen sowie die Teilnahme an meinen Seminaren respektive Vorträgen zu bedanken. Vielen Dank auch an all jene Leser, die den Newsletter an Freunde und Bekannte weiterleiten.
Mein herzlicher Dank gilt auch all den zahlreichen Freunden, die mir während der vergangenen Tage geschrieben haben.

                                    Mit lieben Grüßen,
                                                      Cornelius Selimov

                                           
                     

 

 

 
                            

            

 

           

Beethovens Weihnacht

Er hatte das lapidare Schreiben, welches ihm durch den Laufburschen des Fürsten Rasumofsky überbracht worden war, noch nicht zu Ende gelesen, als er spürte, wie das Blut ob dieser Impertinenz, deren Beweis ihrer Wahrhaftigkeit er tatsächlich in Händen hielt, in seine Wangen schoss und jede einzelne Faser seines Körpers vor Wut zu erbeben schien.
Obwohl sein Neffe Carl bereits im Begriff war, sich elegant anzukleiden, um ihn in das prunkvolle Stadt-Palais des Fürsten zu begleiten, beschloss er augenblicklich, dem Empfang fern zu bleiben, denn die wenigen Zeilen seines Gastgebers hatten ihn zu sehr echauffiert, um nun im Stande zu sein, der Einladung zu einem festlichen Weihnachtsempfang Folge zu leisten. Es scherte den indignierten Komponisten nicht, dass – sieht man von der kaiserlichen Familie ab – nach der allgemeinen Meinung der so genannten noblen Wiener Gesellschaft keine Einladung eine höhere Auszeichnung darstellte, als eine des einflussreichen russischen Gesandten Fürst Rasumofsky.

 
Polternd, wie es seinem exaltierten Naturell entsprach, war er die schmale Wendeltreppe hinuntergeeilt und hatte dabei mit seinem Lodenumhang die Wand vom zweiten Stockwerk bis zum Flut abgewischt als hätte er versucht, zumindest mit der rechten Schulter etwas abzustreifen, womit man ihn beworfen hatte. Auf der Straße war er keuchend einer Kutsche, die sich dem Haus genähert hatte, entgegen gelaufen, weil er zu aufgebracht war, diese heranzuwinken und gar zu warten, bis sie vor ihm anhielt. Hätte der achtsame Kutscher seine Pferde nicht rechtzeitig veranlasst langsamer zu traben, wäre es womöglich zu einem Unglück gekommen, denn der Musiker hetzte unmittelbar vor dem Fuhrwerk über die rutschige Pflasterung als läge kein Schnee auf ihr, als wäre er noch lange kein Mann des vorgerückten Alters. Noch ehe der Wagen still stand, hatte er hastig den Verschlag aufgerissen, um sich im Inneren der Kalesche zu verbergen und die Türe zweifach zu verriegeln. Als das Gefährt nicht losfuhr, hämmerte er empört an die Scheibe. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte der, nicht aus seiner Ruhe zu bringende Wagenlenker den offensichtlich noch vorweihnachtlich gestressten Fahrgast gelangweilt an und hob fragend die Schultern: „Jo, wohin, Euer Gnaden, soll die Foahrt denn geh‘n?“

„Heiligenstadt“, knurrte der Komponist lapidar indem er eine Bewegung in Richtung des Kutschers machte als wollte er einem Orchestermusiker, der Mühe hat sich in der Partitur zurecht zu finden, einen Einsatz geben und fand sich abermals in seinem prinzipiellem Zweifel an der Menschheit bestätig, denn im Grunde sei es zu erwarten gewesen, dass ein ordentlicher Fuhrmann seine Gedanken hätte lesen können müssen. Wohin sollte ein vernunftgeborener Mensch am Nachmittag des Weihnachtstages kutschiert werden wollen, wenn nicht auf dem schnellsten Wege aus der Enge der Stadt und ihrer Bewohner? Sofern man die Stadttore weit hinter sich gelassen hatte, war es völlig einerlei, ob nach Heiligenstadt, Jedlersee, Nußdorf oder irgendeinem anderen Vorort die Zuflucht geglückt war.

 

Nachdem sich die beiden Schimmel auf Geheiß des Wagenlenkers in Bewegung gesetzt hatten, ließ er seinen Kopf erleichtert an die Wand der im unregelmäßigen vierviertel Tackt wackelnden Kutsche sinken. Brüskiert schob er die Wolldecke, die er neben sich erspäht hatte, zur Seite, denn in diesem Augenblick loderte in ihm so viel inneres Feuer, dass selbst der strengste sibirische Winter ihm kein Gefühl des Frierens hätte abringen können. Zufrieden über die Eisschichte, die sich an der Fensterscheibe gebildet hatte und ihm sie Sicht nach Außen ersparte, sinnierte er vor sich.

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, – und das versuchte er stets zu sein – dann erreichte ihn dieses Schreiben nicht explizit ungelegen, denn es war ihm nie ein Herzensbedürfnis, nicht einmal ein großes Anliegen gewesen, am Weihnachtsempfang des Fürsten teilzunehmen, und hätte er nicht dem Drängen seines Neffen Carl voreilig nachgegeben, diesem gesellschaftlichen Ereignis beizuwohnen, er hätte sich wohl nie oder zumindest nur zögerlich seine Zusage am Fest teilzunehmen abringen lassen.

Im Laufe des in wenigen Tagen bereits vergangenen Jahres wurden den Menschen der sogenannten „breiten Bevölkerung“ viele neue Bürden auferlegt. Als eine Folge des Staatsbankrottes erklärte es die Regierung für unvermeidbar, die Preise für Getreide, Kohle sowie Mieten empfindlich in die Höhe zu treiben, und viele Menschen hatten ihre – in Relation zu den Lebenserhaltungskosten ohnehin zu gering bezahlte – Arbeit verloren. Um Unruhen in den Kreisen der Betroffenen zu vermeiden, waren die Netze des Metternichschen Überwachungssystems noch enger gezogen worden, sodass die staatlichen Kontrollen nahezu jegliches Tun und Handeln der Bürger bis hinein in deren Privatsphäre verfolgen konnten. Was populistisch zum Schutze der Menschen propagiert worden war, nahm ihnen die Freiheit, zu publizieren oder auch nur auszusprechen, was sie über die gegenwärtige Politik dachten, wollten sie nicht riskieren, von der Polizei Quartier geboten zu bekommen oder mit harten Repressalien bestraft zu werden.

Selbst wenn viele auch in dieser Christnacht hoffnungsvoll Blei gießen würden, um halb spielerisch, halb fatalistisch zu versuchen, mit Hilfe jener ungeratener Metallskulpturen Fortunas, die sie neugierig aus dem Wasser ziehen, einen Blick durch das Fernrohr der Zeit zu erhaschen, der Vernunftbegabte fand wenig Grund zu übergroßem Optimismus, denn die mannigfaltigen Probleme der Wirtschaft wie die Folgen, die für die Bevölkerung daraus resultierten, schienen nicht oder zumindest nicht von jenen, die vorgaben es zu können, in naher Zukunft lösbar zu sein.

Und er sollte just mit jenen Menschen einen fröhlichen Weihnachtsabend verbringen, die von den tiefen Sorgen und plagenden Nöten der Bevölkerung nichts zu wissen schienen oder zumindest nicht zu wissen wollen schienen, denn wie wäre es ihnen sonst möglich, auf Kosten der Armen ihrem luxuriösen Lebensstil weiterzufrönen ohne dabei vor Scham zu vergehen? Er kannte sie beide, diese Parallelwelten, die nebeneinander existieren und nichts voneinander verstehen: Die Welt der prächtigen Empfänge in prunkvollen Palais, der perlenbestickten Roben und diskreten Beziehungen, die all das prompt ermöglichen, was dem Außenstehenden unerreichbar erscheint, sowie jene Welt der täglich mehr gewässerten Krautsuppen, der ungeheizten Kammern und tristen Ausweglosigkeit aus der Misere. Was jedoch die beiden Welten miteinander verband, war ein nicht aufhören wollendes Wachstum: Hier das des Reichtums, dort jedoch das der Armut.

Ungeachtet seines Weltrufes als Komponist, hatte er schwierige Zeiten durchlebt: Seine Arbeit wurde nicht geschätzt, sie wurde verbraucht. Fortwährend forderte man von ihm das akkurate Abliefern neuer Kompositionen, die einer unersättlichen Spaßgesellschaft wenige Momente des Vergnügens in der Tristesse ihrer selbstgewählten Sinnlosigkeit bescheren sollten. Die entwürdigenden Erfahrungen der vergangen Jahre hatten den, für seine Umgebung zwar noch immer aufbrausend wirkenden, innerlich ermüden lassen. In London wollte er umjubelte Konzerte dirigieren, doch seine weiteste Reise hatte ihn nur bis Linz geführt, um seinen jüngeren Bruder zu besuchen. Die vollkommenste Musik, die er in seinem Innersten hörte, vermochten die Kopisten nicht so abzuschreiben, wie er sie gesetzt hatte, die Kupferstecher nicht korrekt auf ihre Metallplatten zu kratzen, die Musiker nicht entsprechend der Prinzipien der polyphonen Harmonie zu spielen, die Konzertbesucher nicht in ihrer Aussage zu erfassen und Verleger wie Intendanten nicht entsprechend ihres Wertes zu bezahlen. Den Launen jovialer Financiers ausgeliefert, verfügte er allzu oft nicht einmal über das nötige Geld, um die täglichen Lebenskosten zu bestreiten. Hoffnungsvoll verfasste Bettelbriefe, in denen er seine Werke Fürsten zum Kauf anbot, blieben meist unbeantwortet, weshalb er gezwungen war, durch das verhasste Erteilen von Klavierlektionen an völlig unbegabte Schüler seinen Unterhalt zu verdienen, obwohl ihm diese Arbeit so viel Kraft abverlangte, dass er in der Regel am darauffolgenden Tag nicht imstande war zu komponieren. Doch was sein Gemüt am meisten bedrückte, war das vernichtende Bulletin seiner Ärzte, wonach er völlig ertauben werde und schon bald die Worte seiner Mitmenschen, das Rauschen der Wälder und selbst den Klang seiner eigene Kompositionen nicht mehr hören können würde. Peu à peu spürte er, wie sein Mut und was ihm am meisten irritierte, seine Lebensfreude wie ein Kienspan aus minderwertigem Holz vor der Zeit zu verlöschen drohte. Oft fühlte er sich zu erschöpft, um das zu tun, wofür er empfand, auf Erden zu sein: Den Menschen Hoffnung zu geben, ihnen als Lichtträger zu dienen, ihnen Vermittler zur höchsten Quelle zu sein, deren harmonische Töne er auserkoren war, unaufhörlich zu hören.

Wie gewöhnlich mussten sie am Stadttor eine Weile warten, bis die Kutsche passieren konnte. Die Wiener hatten längst die Hoffnung aufgegeben, jemals einen Bürgermeister an der Spitze der Stadtregierung zu sehen, der sich ernsthaft den Problemen des stetig wachsenden Verkehrsaufkommens widmen und Lösungen, die auch für die Bewohner der Vorstädte akzeptabel sind, suchen würde.

Je weiter der Pferdewagen dem Einfluss der Kaiserstadt davonholperte, desto mehr empfand er eine tiefe Zufriedenheit darüber, wie sich der Verlauf des Tages entwickelt hatte, denn seit Monaten achtete er nahezu akribisch darauf, gesellschaftliche Zusammenkünfte generell zu meiden.
 

 

Der Grund dieses Sehnens nach Zurückgezogenheit lag nicht primär in seinem sich stetig verschlimmernden Gehörleiden, das es ihm oft unmöglich machte, Konversationen zu folgen, sondern darin, dass er den immer heftiger geführten politischen Debatten der Leute aller sozialer Schichten nicht mehr ausgesetzt sein wollte. Je prekärer die wirtschaftliche Situation wurde, desto mehr schien sich die Gesellschaft in sich selbst zu spalten: Aristokraten warnten vor der unberechenbaren Gefahr, die sie im erwachenden politischen Bewusstsein des Bürgertums mutmaßten, Bürger vor dem Joch, das ihnen drohe, würde der Adel wieder jene Macht zurückgewinnen, die er vor der französischen Revolution inne hatte. Von allen Seiten und politischen Richtungen witterte man Korruption, Verrat und Hinterhalt. Jene, denen es nicht genügte, die Gefahr im Inland heraufzubeschwören, warnten vor den Truppen des Zaren oder jenen des Preußischen Königs, die angeblich immer näher an der Landesgrenze stationiert waren und mahnten eindringlich das erneute Aufrüsten der Armee ein.
Inmitten dieser gesellschaftlichen Spaltungstendenzen fühlte er sich als Kosmopolit, denn seine – wenn auch im Vergleich zu anderen Komponisten bescheidenen – Peregrinationen hatten ihn von seiner Geburtsstadt Bonn nach Wien geführt, eine Konzertreise über Prag und Dresden bis Leipzig und Berlin, und als Musiker wanderte er oft mehrmals täglich aus der bürgerlichen in die aristokratische Welt und umgekehrt. Daher ärgerte es ihn, dass stetig mehr politische Kräfte auftraten, die versuchten, noch tiefere Klüfte durch die Familie der Menschheit zu ziehen.
Das erbärmliche Spiel, das betrieben wurde, funktionierte seit Jahrtausenden perfekt und war so simpel, dass nur wenige auf die Idee kamen, es zu hinterfragen: Politische Verführer verbreiten die Mär, dass sie als Vertreter des Guten die moralische Verpflichtung haben, eine andere Gruppierung, die man selbstherrlich mit dem Etikett des Bösen stigmatisiert, zu bekämpfen, um dadurch die Welt immerwährend vor dem Einfluss der vermeintlichen Übeltäter zu retten. Seit Menschheitsgeschichte geschrieben wird, kann man erkennen, dass alle Konflikte und Kriege nichts anderes waren als ein weiteres trauriges Da capo dieses uralten Treibens.
Und in allen Epochen ihrer Historie erstarren die Menschen vor Angst, wobei es völlig egal ist, ob sie vor der realen Gefahr vor dem Bösen erzittern oder vor jenen Fiktionen, welche die selbsternannten Guten ihnen über die ausgegrenzten Bösen suggerieren. Bald nimmt die Verwirrung babylonisches Ausmaß an, sodass niemand mehr zu argumen-tieren vermag, wer aus welchem Grunde zu den Guten und wer zu den Bösen zu zählen sei. Prinzipiell ist dies auch einerlei, denn beide Seiten verfolgen stets die gleichen Interessen: Durch das Säen von Ängsten trachten Machtgierige danach, die Menschen zu lähmen und gefügig zu machen, um sie zu beherrschen. Gelingt die diabolische Strategie – was Historiker tausendfach zu belegen wissen – so verlieren alle, die an dieser Opera seria der Menschheit beteiligt sind, ihre Lebenskraft. Es ist, als würde die Menschheit ihren eigenen Dämon mit der ihr geschenkten Lebensenergie füttern.
Er wollte nicht mehr zugegen sein, wenn die putativ Guten Angst vor den Bösen machen und die Bösen nicht zurückstecken, ihnen darin nachzueifern. Für ihn war es simpel herauszuhören, dass beide Seiten mit nichts anderem aufgeigen, als dilettantischen Variationen des gleichen Themas. Während die einen ihre Fantasie in Es-Dur modulieren, spielen die anderen ihre Melodie in c-moll. Dieselben Vorzeichen zum selben Thema, zum selben Zwecke  –  lähmende Angst!
Weil er die unzähligen Reprisen dieses erbärmlichen Quodlibets des Grauens nicht mehr erdulden wollte, zog er es vor, Gesellschaften zu meiden. Nachdem ihm bewusst geworden war, dass jeder Erdenbürger das Erbe Kains wie das des Abels in seinem Innersten trägt, hatte er sich selbst geschworen, nicht länger Mitstreiter im Kampf der Guten gegen die Bösen zu sein. Fern des Einflusses der Stadt versuchte er den archaischen Konflikt der Brüder in sich selbst zu lösen, denn er wusste, die Sinfonie seines Lebens gewinnt dort ihre Stärke, wo die anfangs kontrahierenden Themen in der Durchführung harmonisch zum Hymnus der Liebe verschmelzen.

Bei den Gedanken, – kleinen Boshaftigkeiten dieser Art vermochte er noch nicht abzuschwören – dass die erlesenen Gäste des Fürsten Rasumofsky vergeblich auf das Vergnügen warten, ihn spielen zu hören, musste er zufrieden lächeln. In diesem Jahre hatte der russische Gesandte erstmals ein Tannenbaum, der angeblich mit Zuckerwerk und Kerzen dekoriert worden sei, in seiner Residenz aufstellen lassen. Offensichtlich hatte sich sogar der – normalerweise durchaus kunstsinnige – Aristokrat einer vulgären Mode gebeugt und erwartete, dass seine Gäste um diesen seltsamen Weihnachtsbaum ausgelassen tanzen, während niemand geringerer als Beethoven, wie er ihm in diesem Schreiben hatte erfahren lassen, am Pianoforte musizieren solle! Er fühlte einmal mehr, welchen Stellenwert man ihm beimaß: Der weltberühmte Komponist war gerufen, als Pläsier der noblen Herrschaften zum Tanz um einen aufgeputzten Baum aufzuspielen! Er bedeutete erwiesenermaßen diesen Leuten nicht mehr, als ein polierter Messing-leuchter, den man zum Weihnachtsempfang aufstellt, um seine Gäste zu beeindrucken.

Während sein Neffe Carl noch überzeugt war,  er würde als geladener Gast des Fürsten zur elitären Gesellschaft gehören, gab sich der Komponist keinen Augenblick dieser Illusion hin. Dabeisein und für künstlerischen Glanz zu sorgen bedeutet noch lange nicht dazuzugehören. Im Grunde wollte er auch nirgends dazugehören, denn er wusste, was er war, war er aus sich selbst heraus und nicht Dank der Zugehörigkeit zu einer Gruppierung von Menschen, die sich unsicher aneinanderklammern.

   

Wie anders hätte er auf diese tiefe Kränkung reagieren sollen, als den Fürsten durch sein unentschuldigtes Fernbleiben vor dessen Gästen zu brüskieren? Natürlich wäre es – wie gewöhnlich – das Einfachste gewesen, die Haushälterin anzubrüllen und ihr zu drohen, das Dienstverhältnis zu kündigen, doch diese war, aus weiblich-instinktivem, weihnachtlichem Argwohn zu ihrer Verwandtschaft entwischt. Ebenso hätte er sogleich seiner Entrüstung beim Klavierspiel Ausdruck verleihen können, dabei jedoch unvermeidlich den Ärger der Nachbarn herausgefordert, deren erbostes Hämmern an seine Wohnungstüre riskiert, konsequenterweise so tun müssen, als würde er selbiges nicht hören und am Ende hätte er wohl so heftig in das unschuldige Instrument gedroschen, dass abermals Saiten gerissen wären. Nicht zuletzt wäre es ihm frei gestanden, seinem treuen Jugendfreund Wegeler einen Brief nach Bonn zu schicken, um diesen – wie schon so viele Male zuvor – sein Herz auszuschütten und das gesamte Lamento seines Unglücks bis in die Ferne des Auslands zu posaunen. Die Flucht in die Natur war jene Option, die er für die vernünftigste erachtete, zumal dadurch keine unbeteiligten Personen in Mitleidenschaft gezogen wurden und diese – zumindest nicht durch das Crescendo seines Zornes – in ihrem Weihnachtsfrieden gestört würden.

Er hatte, suchte, fand und erfand zahllose Ursachen, nicht in jener Feierstimmung sein zu müssen, die sich die Menschen – nicht zuletzt aus Gepflogenheit – an Weihnachtstagen selbst auferlegten. Im Grunde war er kein großer Freund des Weihnachtsfestes, denn es bescherte ihm alljährlich dieselben Unannehmlichkeiten, was sich auch diesmal unübersehbar bewahrheitet hatte: Die Haushälterin wollte partout während der Festtage freigestellt werden, um ihrer bereits seit Jahren im Sterben liegenden Großtante ein allerletztes Mal Lebewohl sagen zu können. Wie er befürchtet hatte, meinte Carl einen neuen Gehrock aus feinstem englischem Wolltuch zu brauchen, weil es sich schicke, zu Weihnachten die neueste Mode vorzustellen. Die Konzerte brachten überschaubare pekuniäre Gewinne, da wie gewöhnlich nur eine kleine Gruppe besonders enthusiastischer Musikfreunde bereit war, in der frostigen Kälte unbeheizbarer Säle auszuharren, bis der letzte Ton einer Darbietung verklungen war.

Obwohl er von treuen Bewunderern immer wieder darauf angesprochen worden war, hatte er es stets vermieden, ein virtuoses Konzert, eine weihevolle Kantate oder auch nur ein sakrales Lied für das Christfest zu komponieren. Künstlerkollegen mutmaßten insgeheim, er wäre über das allgemeine Niveau, mit dem zur Weihnachtszeit in Kathedralen wie Kirchen die großen Werke Bachs und Haydns von zwar ambitionierten, doch leider meist nur durchschnittlich begabten Laienmusikern aufgeführt wurden, so entsetzt gewesen, dass er seinen eigenen Beitrag zu diesen Feiertagen vor dem Zugriff Unberufener schützen wollte, indem er sich weigerte, auch nur eine Note diesem Fest zu widmen.
Er war auch kein Mensch, der kalendarisch festgesetzte Termine benötigte oder sich gar von diesen drängen ließ, seine Verbundenheit zur Schöpferquelle zu suchen, zu vertiefen. Gegenüber Freunden betonte er offenherzig, dass Sokrates und Jesus ihm in schwierigen Zeiten Vorbild, das „moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns“ ihm im alltäglichen Leben Orientierung waren. Weihnachten, soweit es die Menschen seiner Umgebung beobachten konnten, bedeutete ihm, einen Platz am stets mit Notenblättern belegten Schreibpult zu schaffen, um die Holzfiguren seiner Krippe, die er aus Bonn mitgebracht hatte, nebst einer dicken Wachskerze aufzustellen, dem Klang der Glocken zu lauschen, auf dem Pianoforte zu improvisieren und wenn ihm das Wetter nicht gänzlich einen Ausflug verwehrte, die Nähe zum höchsten Bewusstsein im Einklang mit den zahllosen Melodien der Natur zu erfahren.

Der Kutscher hatte sich gewundert, von einem so griesgrämigen Fahrgast ein äußerst respektables Trinkgeld erhalten zu haben und versprach, – auf Einladung des Tondichters – im Wirtshaus neben der Heiligenstädter Kirche bei einem Humpen Apfelpunsch und Kletzenbrot verlässlich zu warten, bis dieser von seinem Spaziergang zurückgekehrt sei. Es beschäftigte den Fuhrmann eine ganze Weile, ob sein Fahrgast so mürrisch wie sein Auftreten oder so herzlich wie das Strahlen seiner Augen, wenn er sich großzügig zeige, sein. „Solange ich etwas habe, soll auch kein Freund darben!“, hatte er beiläufig gebrummt, ehe er in die Winterlandschaft davongeeilt war. Wann er wieder heimfahren wolle, hatte der Wagenlenker nicht zu fragen gewagt, vielleicht hatte er auch gespürt, dass in diesem Falle keine eindeutige Antwort zu erwarten war.

Ohne ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, war er mit vorgebeugtem Oberkörper und am Rücken zusammengehaltenen Händen über die verschneite Heiligenstädter Wiese gestapft, um voranzukommen und nicht Gefahr zu laufen in der erstarrenden Kälte des Winters, der die Welt und einen Großteil der Menschen fest in seinen Klauen zu halten schien, selbst zum Stillstand zu kommen. Die dichte Wolkenschichte, die in der Stadt der Sonne jegliche Möglichkeit gab, die Gemüter der Menschen zu erhellen, hatte sich über der Landschaft aufgelöst, und es machten ihm den Anschein, als wären es die Gedanken der Bewohner selbst, die die Wolken vor die Sonne schieben. Hier war er allein, hier waren die Wolken dem satten Blau des Himmels gewichen, und er konnte sich an den Strahlen des langsam verschwindenden Helios erfreuen. In diesem Umfeld fand er zu sich selbst, erkannte die Lächerlichkeit seines gekränkten Stolzes, seiner aufschäumenden Wut sowie seines Versuches, gegen etwas anzukämpfen, das seit Jahrtausenden in Entwicklung stand und immer noch nicht zu blühen vermochte.     

Am Waldesrand hielt er ehrfurchtsvoll inne. Eine einzelne Christroste, die es aus eigener Kraft geschafft hatte, ihren Weg durch den hohen Schnee in Richtung Sonne zu bahnen, vermochte seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie hatte das Wunder vollbracht, selbst im tiefsten Winter an die Kraft des Lichtes zu glauben und war vertrauensvoll aus dem gefrorenen Boden herausgewachsen, um unbeirrt ihrer Umgebung zu erblühen.
Er kniete im Schnee nieder, um ihre Schönheit vollends bewundern zu können, um ihr näher zu sein, um ihr mit dem Lächeln seines Herzens dafür zu danken, dass sie ihm den Glauben an seine eigene Kraft wiedergegeben hatte. In der Klarheit der Stille hatte er achtsam die Botschaft der kleinen Pflanze angenommen und den Grundton seiner Bestimmung wiedergefunden. Eilig stapfte er zum Pferdewagen zurück, denn er wollte keine Zeit verlieren, voll Freude seine Berufung auf Erden zu leben, sein Dasein zu nutzen.

 

Als in seinem Innersten die Melodie des alten sizilianischen Marienliedes „O sanctissima“ ertönte, verspürte er ein unstillbares Verlangen, diese Volksweise als Trio neu zu arrangieren. Begeistert hörte er die Linien des Klaviers, des Cellos wie der Geige und darüber das Terzett der Singstimmen, angeführt vom Sopran, der über Mezzo und Bariton schwebt. In keiner anderen als F-Dur – der Tonart der demutsvollen Fröhlichkeit  –  durfte der Hymnus erklingen.
Dies war seine tiefe Verneigung vor dem Leben einer Frau, die stets ihren Weg zu gehen wusste, es war ein Ausdruck der Dankbarkeit an sein Leben, das ihn so viel gelehrt und geschenkt hatte, es war aber auch seine Weihnachtsgabe an die Menschheit, die er in diesem Augenblick noch mehr als sonst liebte.

Unentwegt sang er während der Heimfahrt mit laut krächzender Stimmer die Motive der Komposition und beobachtete vergnügt, wie die Wärme, die sein Atem auf die Fensterscheibe der Kutsche blies, die Eisschichte, die sich an der Außenseite des Glases gebildet hatte, zum Schmelzen brachte, sodass er einen klaren Blick in die Schönheit der Welt gewann.  
                         
                                     Cornelius Selimov, Dezember 2016    
     

               

           

 

 

 
Klicken Sie hier, wenn Sie keinen Newsletter mehr erhalten möchten.

powered by itellico newsletter solutions
 

Energycoaching.net Email schicken