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Von ganzem Herzen wünsche ich allen
Leserinnen und Lesern harmonische Feiertage,

die von Freude und Zufriedenheit getragen seien.
Möge das Licht des Weihnachtsfests
die Wege der Seelen beleuchten und beschützen!

                                                      

   

An dieser Stelle ist es mir auch ein besonderes Anliegen, mich für das Vertrauen sowie die Teilnahme an meinen Seminaren respektive Vorträgen zu bedanken.
Mein herzlicher Dank gilt auch all den zahlreichen Freunden, die mir während der vergangenen Tage geschrieben haben.

                                    Mit lieben Grüßen,
                                                      Cornelius Selimov

                                           
                     

 

 

 
                            

            

 

            



Weihnacht in Mortlake
 


Jener Weihnachtsabend des Jahres 1590, dessen tiefe Bedeutung für sein Leben ihm erst sukzessive bewusst werden sollte, schien nach den gleichen, gewohnten Gepflogenheiten zu verlaufen, wie all die vielen Christfeste, die John Dee zuvor mit seiner Familie in Mortlake, einer Ansiedlung unweit von London, nahe dem königlichen Schloss Richmond, gefeiert hatte.
    

Seine Frau Jane und das Hausmädchen hatten die Kinder mit leinenen Tüchern abgerieben und ihnen, unter entbehrlichen Ermahnungen, sich nicht mehr schmutzig zu machen, ihre besten Kleider übergezogen. Es war kein Hochmut, nicht einmal Stolz, wohl aber eine unleugbare innere Genugtuung, mit der Jane jene Kleidungsstücke, die sie von der abenteuerlichen Reise auf dem Kontinent mitgebracht hatten, erstmals anlegte: Ein Brokatumhang aus Prag, eine bestickte Haube mit Atlasbesatz aus Krakau sowie ein feines Wolltuch aus Antwerpen. Damit und nicht zuletzt mit ihrer distinguierten Art, diese erlesenen Stücke zu tragen, vermochte sie jenen Anschein zu vermitteln, der ihr angepasst erschien, von den erdrückenden finanziellen Schwierigkeiten, in denen sie sich befanden, abzulenken.

Ehe Jane mit den Kindern in die nahe gelegene Kirche gegangen war, hatte sie ihrem Mann ins Gewissen geredet, wenigstens in diesem Jahre dem Gottesdienst nicht fernzubleiben. Aber Doktor John Dee schreckte das Getratsche, die besserwissenden Mutmaßungen der Bewohner von Mortlake, er wäre ein Hexer, der mit den dunklen Mächten in Verbindung stehe weniger, als das monotone Geschwätz eines Priesters, der den Gläubigen die Botschaft des Weihnachtsengels verkünden wollte ohne jemals selbst den Versuch unternommen zu haben, mit einem Engel zu kommunizieren. Vergebens hatte sich Jane bemüht, ihn mit Argumenten „der allerchristlichen Tradition, die jedermann halten müsse“, unter Druck zu setzen, um ihm die Bereitschaft abzuringen, seine Familie zur Mette zu begleitete. Während all seiner Reisen und Studienaufenthalte in Löwen, Brüssel, Paris, Wien und Rom waren dem Universalgelehrten so viele unterschiedliche Bräuche der Ehrerbietung des Geburtsfestes Jesu begegnet, dass er sich längst entschlossen hatte, jene Nacht, in der das Licht aus sich selbst wiedergeboren wird, auf seine, ihm würdig erscheinende, Weise zu zelebrieren.

Das Mysterium dieser Tage erschien ihm ausschließlich in der Stille, im leisen kontemplativen Innehalten zu erfahren sein; doch keine Zeit im gesamten Jahreskreis wurde lauter gefeiert und brachte mehr Unruhe in den gewohnten Tagesablauf als die der Weihnacht. Während die Tage der verkürzten Sonnenphase in ihm eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Stille und Innehalten auslösten, schienen die Menschen seiner Umgebung geradezu vom Verlangen nach Lärm und Unterhaltung besessen zu sein.

Selbst in den nahegelegenen Wäldern vermochte er nicht in seiner, ihm lieb und wichtig gewordenen Weise mit der Natur Zwiesprache zu halten, da immer wieder johlende Burschen auf ihren vorweihnachtlichen Treibjagden nicht nur die Rehe und Wildschweine sondern auch ihn, in seiner tiefen Verbundenheit mit den Kräften der Flora und Fauna, aufschreckten.

Als Mitglied des Kronrates ihrer Majestät oblag es Doktor Dee, am ersten Weihnachts-feiertag ein Festmahl für die bedeutenden Bewohner Mortlakes sowie für einige Witwen und Waisenkinder der Umgebung auszurichten. Obwohl sie schon bald ein Kind erwartete, hatte auch in diesem Jahre der Gelehrte die Planung des Festgelages seiner Frau überlassen. Bis zu ihrer Heirat war Jane Hofdame gewesen. Lange genug, um das Arrangieren des Mahles sowie den Umgang mit den Eigenheiten der Menschen perfekt zu beherrschen. Ihr Einfühlungsvermögen half ihr, ohne gegen die Etikette und was noch viel diffiziler war gegen die Eitelkeiten der Menschen zu verstoßen, die prekären Entscheidungen zu treffen, in welcher Reihenfolge wer mit welchen Worten zum Festmahl zu bitten sei.

In allen geraden Kalenderjahren wies Jane dem Pfarrer, in den ungeraden hingegen dem Bürgermeister den Ehrenvorsitz an der Festtafel zu. Diese alternierende Wertschätzung der geistlichen und weltlichen Autoritäten Mortlakes erschien ihr wichtig, um in Frieden leben zu können und vor allem ihrem Mann für dessen Forschungen auf erlaubten wie unerlaubten Gebieten freien Raum zu schaffen. Während der Begrüßungsworte würde Master Dee sein Gelehrtenhaupt tief vor dem Priester neigen, um ihm, vor der versammelten Gästeschar, mit dieser Geste der Ergebenheit seine Hochachtung vor dem Klerus zu beteuern und zum Ausdruck zu bringen, dass niemand berechtigte Gründe vorweisen könne, ihn der Ketzerei, der Häresie zu bezichtigen.

Achtsam hatte Jane die Mädchen instruiert, den Raum festlich zu schmücken und weißes Leinen über die Eichentische zu spannen. Den Burschen war die Order erteilt worden, die aus Stechpalmen, Eiben und Efeu geflochtene mit Misteln und Äpfeln geschmückte Weihnachtskrone exakt vom Mittelpunkt des Deckengewölbes an roten Bändern herunterhängen zu lassen.

Da die Königin eine Gans speiste, als man ihr die Kunde von der siegreich beendeten Seeschlacht gegen die spanische Armada zutrug, wurde dieses Tier zum offiziellen Weihnachtsessen erkoren. Als gute Angelsächsin hatte Jane den Koch angewiesen, zum Höhepunkt des Mahles eine mit Obst dekorierte gefüllte Gans auftragen zu lassen.

Dee vermochte niemand mit Worten zu beschreiben, wie dankbar er seiner Frau war, dass sie ihm all diese lästigen Vorbereitungen und Beschäftigungen mit sinnigen wie unsinnigen Bräuchen abnahm, sodass er sich dem Verfassen eines wissenschaftlichen Buches über Navigation widmen konnte. Natürlich war auch er erfreut, mit der Familie unter der festlichen Weihnachtskrone das Mahl einnehmen zu dürfen. Gleichzeitig verärgerte ihn die Tradition, just nach heilsamen Wochen des Fastens, während der sich der Körper reinigte und der Geist für höhere Bewusstseinserfahrungen vorbereitete, in ein zwölftägiges Völlern und Trinken überzugehen.

Als Astrologe wusste er, dass alle Perioden, die über die Energie der Zwölf tackten, den Mensch in die Körperlichkeit, in die selbstsüchtige Materie führen und dort halten. Da ihm längst die aufstrebende Dynamik der geistigen Entwicklung jener Zyklen, die der Energie der Dreizehn folgen bewusst geworden war, missfielen ihm die ausgelassenen Sitten während der zwölftägigen Weihnachtsfeierlichkeiten besonders. Für die Zeit, in der er lebte, betrachtete er die Riten wohl zu sehr nach deren ursprünglichen Intensionen; selbstverständlich war es auch ihm nicht entgangen, dass zahlreiche Menschen während der Adventwochen nur deshalb fasteten, um genügend Geld anzusparen, das zwischen dem Christtag und dem Hochfest der Könige vertrunken und verspielt werden konnte. Augenscheinlich war, in welchem Lande er auch immer Weihnacht und den Jahreswechsel verbrachte hatte, so unterschiedlich die Bräuche und Gepflogenheiten auch gewesen waren, aller Ortens vereinte die Menschen der unbändige Wunsch, während der zwölf Christtage über die Maßen zu trinken.

Mit gemischten Gefühlen dachte Dee an das alljährliche Fest in Richmond, zu dem die Königin geladen hatte, um sich und die Pracht des englischen Hofes feiern zu lassen. Wie jedes Jahr würden die Lords versuchen, sich die Gunst der Fürstin mit wertvollen Geschenken zu erkaufen und durch kostbare Gewänder sich gegenseitig zu übertreffen. Betrüblicherweise eröffnete sich ihm auch heuer keine Möglichkeit, diese königliche Einladung, die stets durch oberflächlichen Pomp, lärmende Gaukler und Spielsucht getrübt war, zu ignorieren.

Jane würde ihn eindringlich ermahnen, nicht nur als Mitglied des Kronrates sondern vor allem als Astrologe der Königin diese Begegnungen wahrzunehmen, da gerade der Beginn eines neuen Jahres die Menschen veranlasse, ihren Blick in die Zukunft richten zu wollen. Dem Übel, seine astrologischen Kenntnisse auch jenen ausliefern zu müssen, die sich insgeheim darüber lustig machten und nicht wahr haben wollten, dass der Mensch während seiner Zeit als Bewohner der Erde den mächtigen Gesetzen des Kosmos, dem Diktat von Schwingung und Rhythmik untertan ist, musste er sich stellen, denn schließlich galt es, die hohen Kosten für das aufwendige Weihnachtsfest zu begleichen. Wenn ihn etwas an den höfischen Weihnachtsfesten erfreute, so war es, neben den zu erwartenden neuen Kompositionen William Byrds, das Zusammentreffen mit seinem Freund Will, der für gewöhnlich dafür zu sorgen hatte, die Königin mit romantischen Sonetten zu unterhalten. Mit Will war es ihm möglich, völlig ungezwungen über all jene metaphysischen Bereiche des Lebens zu sprechen, zu denen nur Menschen Zugang finden, die Spiritisten, Alchemisten oder zumindest begnadete Schriftsteller sind. 

In dieser Zeit, die durch das offensichtlich unvermeidbare Poltern beim Tragen von Tischen, Bänken und Stühlen, durch das Gehacke von Holz, das man zum Heizen der Herde und Öfen benötigte, durch das Geschrei der Tiere, die zur Schlachtbank gezerrt wurden, durch das Zerstampfen von Zucker und Gewürzen in den Mörsern, durch das Rollen der Apfelbrandweinfässer über den Eichenboden sowie durch das aufgeregte Herumgelaufe der Hausmädchen und später, wenn endlich alle Vorbereitungen zum Abschluss geführt worden waren, durch das ausgelassene Feiern der Gäste von Lärm geprägt war, genoss der Gelehrte die kurze Stunde der Christmette als einen Augenblick göttlicher Ruhe, die er mit sich alleine und somit ungestört verbringen durfte.

Wie nahezu an jedem Tag hatte John Dee sich in die Bibliothek zurückgezogen, um in seine Kristallkugel zu blicken und mit der geistigen Welt in Kontakt zu bleiben. Doch während dieser Séance blieben seine Rufe ungehört oder zumindest in seiner Wahrnehmung unbeantwortet. So stand er an seinem, trotz der klirrenden Kälte, geöffneten Fenster, hörte das Aneinanderstoßen der Eisschollen, die auf der am Haus vorbeiziehenden Themse trieben und blickte mit dem Fernrohr in die unendlichen Tiefen des Himmels. Wie kein Zweiter seines Landes war er mit den Bahnen und Positionen der Gestirne vertraut, hatte sie oft genug berechnet, mit seinem Astrolabium nachkontrolliert. Er wusste um die Verbundenheit aller Himmelskörper, wusste, welch großen Einfluss sie aufeinander ausüben und wie machtvoll die von ihnen ausgehende Kraft die Menschen beeinflusst. Alljährlich beobachtete er, feierte er in seinem Innersten das Wiederkehren des Lichtes am Ende der Monate der Dunkelheit. In dieser kosmischen Verbundenheit des zyklisch wiedergeborenen Lichtes, des immer wieder erwachenden Bewusstseins, das von den entferntesten Sternen bis hinab in jede Menschenseele alle Ebenen der Schöpfung umspannt, suchte er das Mysterium der Weihnacht. Die Christnacht war ihm mehr als die alljährliche Geburtsfeier eines Kindes: Sie war ihm Auftrag zur Geburt jenes unbegrenzten Bewusstseins, das im Kind von Bethlehem inkarnierte. Er hatte sein Fernrohr zur Seite geschoben, denn was es zu erfahren galt, war im Großen wie im Kleinen, durch das Heranrücken der Sternbilder Kraft geschliffener Okulare ebenso wie durch das verschwommene Erblicken leuchtender Himmelsstrukturen mittels sehschwach gewordener Augen wahrzunehmen.

Mit einem Male war ihm als würde die Energie der Sterne, mehr noch des gesamten Universums sein Bewusstsein durchfluten. Er spürte eine ungeahnte Kraft, die seinen Körper, seinen Geist, seine Seele erfüllte, die sein gesamten Wesen emporzuheben schien und dennoch fest am Boden der Erde verwurzelt hielt. In diesem Moment wurde ihm gewahr, dass sich alles öffnen, dass sich alles manifestieren werde sobald alles zu seiner ursprünglichen Verbundenheit wieder zurückgefunden habe. Das Bewusstsein dieses Momentes ging weit über das hinaus, was er als Alchemist zu erforschen gehofft hatte, was er als Mathematiker zu berechnen vermochte, was er als Spiritist zu erfahren meinte.

Sein Wissen, das ihm in dieser Nacht geschenkt wurde, das ihm die Gewissheit verlieh, alles werde sich manifestieren, alles werde sich offenbaren, alles fände seine letzte Bestimmung im ruhenden Licht der höchsten Erkenntnis, veränderte sein Leben.  Wann auch immer er in späteren Jahren seines Forschens müde war, wenn sein Körper ihm seine Dienste zu verweigern schien, wenn er fürchtete, seinen Aufgaben nicht länger gewachsen zu sein, erinnerte er sich an diese Erfahrung. Diesem Wissen um das Geheimnis der Weihnacht verdankte er die Kraft, sich selbst treu zu bleiben, seinen Lebensweg voranzuschreiten, dem Ruf seiner Seele zu folgen.                         
                                                       Cornelius Selimov, Dezember 2014    

                

 

 

 
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